Wenn sich der Sommer langsam dem Ende zuneigt, steht an den Gewässern im Oberwallis eine wichtige Aufgabe an: In den Stauanlagen und Becken der enalpin werden Sedimente, Kies und Sand ausgespült, die sich über Monate angesammelt haben. Die Beckenspülungen sind für den sicheren und effizienten Betrieb der Wasserkraftanlagen notwendig, doch sie erfordern weit mehr als technisches Know-how. Noch bevor die ersten Grundablässe geöffnet werden, rückt auch der Schutz der Gewässer und ihrer Artenvielfalt in den Fokus. Seit diesem Jahr übernimmt dabei erstmals die eigene Fachstelle Umwelt und Nachhaltigkeit d er enalpin eine zentrale Aufgabe.
Besonders eindrücklich sind die Mengen, die dabei bewegt werden. Beim Stausee Ferden, dessen Becken alle zwei Jahre gespült wird, laufen die Arbeiten mehrere Tage lang rund um die Uhr. Dabei werden mitunter über 100'000 Kubikmeter Sedimente aus dem Becken entfernt, im Vorjahr waren es sogar rund 200'000 Kubikmeter. Auch in Mattsand, wo die Beckenspülung jährlich stattfindet, erstrecken sich die Arbeiten über mehrere Tage. Dabei werden rund 30'000 Kubikmeter Sand aus dem Becken gespült. Für die Mitarbeitenden der Produktion bedeuten diese intensiven Einsätze eine präzise Planung und eine kontinuierliche Überwachung der Anlagen während des gesamten Vorgangs.
Hinzu kommen strenge Umweltauflagen. Die Belastung der Gewässer durch Sedimente wird laufend überwacht. Werden Grenzwerte überschritten, können Sanktionen ausgesprochen werden. Ebenso gilt es, die Auswirkungen auf die Fisch- und Tierwelt möglichst gering zu halten. Eine Beckenspülung erfordert deshalb ein sorgfältig abgestimmtes Zusammenspiel zwischen den Mitarbeitenden der Produktion, der externen Umweltbaubegleitung, dem Kanton und den betroffenen Gemeinden.
Eine wichtige Rolle bei den Vorbereitungen übernimmt Andrea Michlig, Fachspezialistin Umwelt und Nachhaltigkeit bei enalpin. Vor der Spülung werden die betroffenen Gewässerabschnitte auf invasive Neophyten kontrolliert. Während diese Aufgabe in den vergangenen Jahren von einem externen Umweltbüro übernommen wurde, liegt sie seit diesem Jahr erstmals bei der neu geschaffenen Fachstelle Umwelt und Nachhaltigkeit der enalpin.
Gemeinsam mit einem Mitarbeiter des Kraftwerks begeht die Fachspezialistin die relevanten Gewässerabschnitte und hält Ausschau nach invasiven Pflanzenarten. Entdeckte Vorkommen werden kartiert, dokumentiert und in der schweizweiten Datenbank «Info Flora» erfasst. Gleichzeitig werden bekannte Standorte aus den Vorjahren erneut überprüft. Kleinere Bestände werden, wo möglich, direkt entfernt und fachgerecht entsorgt. Grössere Vorkommen werden den betroffenen Gemeinden gemeldet.
Dass diese Kontrollen noch vor dem Öffnen der ersten Grundablässe stattfinden, hat einen guten Grund. Der Kanton Wallis schreibt im Rahmen der Bewilligung vor, die betroffenen Gewässerabschnitte vor der Spülung auf bestimmte invasive Pflanzenarten zu kontrollieren. Diese Auflage zeigt, wie eng Wasserkraftproduktion und Naturschutz miteinander verbunden sind.
Während einer Beckenspülung können Samen, Fruchtstände oder kleine Pflanzenteile mit dem Wasser mitgerissen und flussabwärts transportiert werden. Die dabei auftretenden Wassermengen sind jedoch in der Regel geringer als die jährlich natürlich auftretenden Abflüsse im Gewässer. Die Spülungen in Mattsand und Ferden sind daher nicht als Hauptursache für die Verschleppung von Neophyten zu betrachten.
Die höchsten Wassermengen einer Spülung treten jeweils beim Entleeren des Beckens auf und gehen anschliessend auf den natürlichen Abfluss zurück. In Mattsand dauert diese Phase mit maximaler Wassermenge rund zwei Stunden, in Ferden etwa zwölf Stunden.
Unabhängig davon können Pflanzenteile oder Samen durch die Strömung weitertransportiert werden. Einige invasive Pflanzen können bereits aus wenigen Zentimetern eines Triebes an einem neuen Standort wieder anwachsen, andere verbreiten sich über Tausende von Samen.
Besonders aufmerksam wird deshalb nach Arten wie dem Asiatischen Staudenknöterich, dem Schmetterlingsflieder, dem Einjährigen Berufkraut, der Nordamerikanischen Goldrute oder dem Drüsigen Springkraut gesucht. Diese Pflanzen breiten sich rasch aus und können heimische Arten verdrängen. Die Begehungen zeigen, dass invasive Neophyten entlang von Gewässern regelmässig vorkommen. Noch sind viele Bestände klein – und genau darin liegt eine Chance: Werden die Pflanzen früh erkannt, lassen sie sich mit verhältnismässig geringem Aufwand entfernen.
Gewässerränder sind besonders sensible Bereiche für die Ausbreitung invasiver Pflanzen. Eine frühe Bekämpfung ist deshalb deutlich wirksamer und kostengünstiger als spätere Massnahmen bei grossen Beständen. Jede entfernte Pflanze verringert das Risiko einer weiteren Verbreitung und schafft bessere Voraussetzungen für einheimische Arten.
So wird aus einer technischen Notwendigkeit mehr als eine Beckenspülung. Während die Produktion dafür sorgt, dass die Anlagen weiterhin zuverlässig Strom liefern, leisten die begleitenden Umweltmassnahmen einen Beitrag zum Schutz der Biodiversität. Dieses Zusammenspiel von Technik, Verantwortung und Naturschutz wird jedes Jahr aufs Neue an den Gewässern im Oberwallis sichtbar.
